Blitz, Donner, kiffen und traurige Lieder

blinker blitz coverDie Blitz-EP von Blinker ist seit wenigen Tagen auf dem Markt und bestätigt, was unruhr bereits im Februar konstatierte: Blinker macht gediegene Popmusik, die musikalisch und textlich alles Wesentliche auf den Punkt bringt. Urbane Musik zwischen Party und Nachdenklichkeit mit reflektierten Texten, die Traurigkeit mit Drogenkonsum in richtigen, selbstverantwortlichen Dosen verbindet. Blinker-Songs holen dich immer genau da ab, wo du gerade ziemlich doof und ratlos rumstehst und bringen dich zurück ins Leben.
Zur Veröffentlichung gab es einen der Virenkrise geschuldeten Live-Stream in einer ähnlichen Länge wie die neue EP. Ein Viertelstündchen beste Qualität. Eine sehr gesunde Verabreichung an Gitarre, Bass, Schlagzeug und gebrauchsfertiger Alltagslyrik. Undedingt bemerken!

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Schlichter Prachtpop von Goss

Popmusik kann manchmal so unsagbar langweilig sein, so fürchterlich uninspiriert, so billige Meterware. Aber jetzt kommt jemand, der sich Goss nennt und offensichtlich für jeden seiner Songs eine gute Idee hat. Damit fiel der Däne vor drei Jahren bereits einigen Blitzmerkern auf, als er die Debüt-EP "Healthcare" veröffentlichte. Da wurde bereits deutlich, dass Goss ein Gespür für Sound hat und damit seinen Pop prächtig aufpeppt. Unser nördlicher Nachbar fischt bei jedem Song etwas Besonderes aus der großen Mottenkiste der Populärmusik.
Genau wie bei den dazugehörigen Videoclips, die nie unter mangelndem Einfallsreichtum leiden. Und wenn es nur die größte dänische Sammlung an Secondhand-Anzügen ist.
Aktuell präsentiert Goss die aktuelle Single "Country boy" und macht nahtlos dort weiter, wo er mit "Healthcare" vorläufig endete. Es ist weiterhin Pop mit Stil, der sehr schön mit dem unprätentiösen Auftritt des Dänen kontrastiert. Und wenn das so bleibt, dann dauert es nicht lang bis jedermann darüber redet.

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Ja ja, alles gut. Ich weiß.

Geht euch das auch fürchterlich auf die Nerven, wenn Berufsoptimisten euch in schweren Lebenslagen aufmunternd zurufen: Alles wird gut!? Aber Sophie Hunger kann man so richtig nichts übelnehmen. Deswegen war die Freude groß als die Schweizerin gestern ein Appetithäppchen ihres kommenden Albums servierte.
Denn auch wenn der Track "Everything is good" heißt, ist es die erste freudige Überraschung aus dem langerwarteten siebten Album "Halluzinationen", welches Ende August bei Caroline International erscheinen wird. Sophie bleibt mit damit dem Weg treu, den sie mit dem Vorgänger "Molecules" einschlug.
"Halluzinationen" ist wie das 2018er Werk elektronisch und englisch. Und jetzt kommt die erste Single sogar noch eingängig poppig und fast leicht verdaulich rüber. Aber Sophie Hunger hat gar kein Problem mit Pop. Für sie ist alles Pop, was nicht Klassik oder Jazz ist.
Möglicherweise rührt der neue Pop-Appeal von den Aufnahmesessions in den Londoner Abbey Road Studios, wo alle Songs von "Halluzinationen" unter der Regie von Dan Carey in einem Take eingespielt wurden.
Jetzt also kein Naserümpfen und Brauenhochziehen, sondern wertfrei das neue Material der Wahlberlinerin genießen.

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3 Schwestern aus Aarhus

Drei Schwestern aus Aarhus ist ganz und gar nicht der Titel eines dänischen Märchens. Die 3 Schwestern aus Aarhus sind überaus real und nebenbei schön laut. Noa, Naomi und Nataja haben sich zu Velvet Volume zusammen getan, tun aber alles dafür, nicht samtig zu klingen. Velvet Volume bieten allerfeinste Gitarrenmusik mit wechselndem Gesang von Noa und Naomi und facttenreichen Drums von Nataja.
"Carry" ist nun schon die zweite Single aus dem kommenden Album "Ego's need", das Ende des Monats für euch zu haben ist. Das neue Album hat nach Aussage der Band einen mehr melodiösen und soften Ansatz als das Debütalbum "Look look look". Aber es besteht kein Grund zur Annahme, dass Velvet Volume sich zur Mädchenpopband entwickelt. Sonst hätte man sich beim Rockpalast sicher nicht entschlossen, den Bonner Auftritt im letzten Jahr beim WDR ins Programm zu nehmen. Es ist immer noch eine Auszeichnung, beim Rockpalast eingeladen zu sein. Sozusagen ein Rockpopmärchen...und schließlich ist die Band bei Mermaid Records unter Vertrag!

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Bei Anruf: Tod

Lieder, die den Tod mit gebührender Melancholie, aber mit konzentrierter Klarheit behandeln, sind nicht häufig. Dass der norddeutschen Kapelle Helgen solch ein Song gelingt, ist jetzt nicht wirklich überraschend. Helgen haben wir an dieser Stelle fast schon über Gebühr gelobt. Nun muss man noch einen Tacken mehr Lobhudelei draufsetzen. Mit "Tschüss" erscheint die nächste Single aus dem bald erscheinenden, zweiten Album "Die Bredouille". Diese Single ist schlicht und umwerfend.
Ein sparsamer Rhythmus, der unauffällige Synthieflächen unterlegt. Dazu Lyrics, die tatsächlich auch Lyrik sind. Alles unaufgeregt, sehr schlicht, schlicht umwerfend. Mit "Tschüss" schafft man es möglicherweise, irgendwann einmal zu gehen, ohne zu fragen warum. Weil halt Weltraummüll auf dein Haus fiel oder eben das Leck am Gashahn. Aber vorher, hör dir das bitte nochmal an.

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Electric Africa

sUb modU pidginsynths1Ein Italiener aus dem Aostatal/Italien, der in Berlin/Deutschland lebt und nun elektronische Berbeitungen von Stücken des Großmeisters Fela Kuti aus Lagos/ Nigeria veröffentlicht. Auf einem Label aus Brighton/England. Gibt es ein besseres Beispiel für Globalisierung?
sUB_modU ist klassisch geschult, aber seit jeher angefixt vom afrikanischen Sound. Jetzt hat sich der Italo-Berliner für seine aktuelle EP mit Stücken und generell mit dem Sound Fela Kutis aus den 70er beschäftigt. Und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht, den deutlich bläserlastigen Sound Kutis mit modernen, elektronischen Geräten adäquat zu reproduzieren. sUB_modU aka Romeo Sandri hätte daher keinen besseren Albumtitel als "Pidgin synths" erfinden können.
"Afrobeat ist sehr weit von von elektronischer Musik entfernt, hat aber unüberhörbare Eigenschaften", sagt Romeo zu seinen Versuchen. Mit "Pidgin synths" ist ihm eine sehr spannende Synthese gelungen, die Elektronikfans nicht verschreckt und Afrobeat-Liebhaber aufmerken lässt. Es ist ein wenig, als würde die Prophezeiung von "Electric Africa" aus dem Jahr 1985 wahr werden. Die Weissagung stammt übrigens von Manu Dibango, der am 24. März den Kampf gegen den Corona-Virus verlor.
RIP Manu and Fela.

www.submodu.bandcamp.com