Kabelsalat mit Pampelmuse

Diese Musik kommt auf leisen Sohlen. Wäre Pantoffel-Pop eine gute Bezeichnung?
Eher nicht. Doch mit traumwandlerischer Sicherheit produziert Talking to Turtles unwiderstehliche Melodien und kombinieren sie mit ein wenig entrückter Lyrik. "Grapefruit knife" ist dafür ein wunderbares Beispiel. Die neue Single ist ein Lebenszeichen von Claudia und Florian Sievers nach einigen Jahren Stille. Selbstverständlich haben die Beiden nicht auf der faulen Haut gelegen, sondern an Produktionen anderer Musik gearbeitet und an Theater- und Filmmusik.
Aber jetzt steht der Nachfolger des 2014er Albums "Split" in den Startblöcken. Das neue, das vierte Album des Leipziger Duos wird "And what's on your mind" heißen und am 17. März via Krokant Musik erscheinen. Macht's euch schon mal gemütlich.

www.talkingtoturtles.de

 

Number one two three

Morgan Heritage zählen zu den ganz Großen des Reggae-Geschäfts. Daher können sie es sich auch erlauben, ein längeres Päuschen einzulegen. Seit 2019 hat man nichts mehr von Peetah, Gramps und Mojo gehört. Aber nun eröffnet die Band das Jahr 2023 mit der neuen Single "Just a number".
Wie gewohnt zaubern die ehemaligen Grammy-Gewinner mühelos ein Stück international reggae music aus dem Hut. Ein geschmeidiger pop-beeinflusster Riddim wird mit aussagekräftigen Lyrics zu einem stylishen Tune zusammen gebastelt.
"Just a number" ist gleichzeitig die Ankündigung eines neuen Albums. Das heißt "The homeland" und soll im April 2023 bei XTM Nation erscheinen. Und es wird gemunkelt, dass die Liste der Mitwirkenden lang und exquisit ist. Wir bleiben am Ball und werden für euch Geheimnisse lüften...

www.morganheritagemusic.com

 

Hammerwerk

Wir erzählten euch bereits von Marlon Hammer. Das ist der junge Bochumer, der im letzten Jahr seine Debüt-EP großkotzig-prophetisch "Bochum 2" nannte. Der 18-jährige bewegte sich damit ganz bewusst im Dunstkreis des Bochumer Säulenheiligen Grönemeyer. Damals waren wir uns nicht sicher, ob "Bochum 2" nur dicke Lippe ist oder doch echtes Pfund.
Jetzt schiebt Marlon Qualität nach und veröffentlicht die zweite EP. Diese versammelt gelungene Akustik-Versionen im Proberaum-Style und ist sehr gewitzt "Live vom Teppich" betitelt. Hier kommen die Jahre des Jungen als Straßenmusiker durch in kantig-melancholischen Songversionen. Das klingt handgemacht, rau und ist voller Stimme.
unruhr tendiert in der Bewertung derzeit immer mehr zu echtes Pfund. Hammer!

Hier geht's zur kompletten EP

90er-Nachhilfe

Mit "Joiner" taucht Blondshell tief in die Neunziger ab. Der Song entstand als die 25-jährige gerade in ihrer Britpop-Phase war. Aber "Joiner" tut man unrecht, stempelt man es als simplen Pop ab. Das Stück spart nicht an krachenden Gitarren und so hat es auch etwas vom Rock und Grunge aus Blondshells Lieblingsdekade.
Die Musik der US-Amerikanerin hört sich vermutlich so an, weil sie von der großen Popmaschine ihrer Heimat wieder ausgespuckt wurde. Mit der Erkenntnis, dass sie im Industriesound sowieso nichts zu suchen und finden hatte.
Im positiven Sinn fehlt Blondshells Songs der letzte Schliff. Genau das ist es, was das kommende Debütalbum so beachtenswert machen wird. Ein Sound mit Ecken und Kanten. Das selbstbetitelte und in Los Angeles eingespielte Album erscheint am 07. April via Partisan Records.

www.blondshellmusic.com

 

Wenn Ströme fließen

paschburg pantarheiNiklas Paschburg aus Berlin kündigt sein drittes Album an.
Das ist keine Headline, die einen umhaut. Aber es wäre dennoch ein Fehler, dieses Ereignis nicht zu beachten. Denn mit "Panta rhei" macht Niklas weiter mit dem Erschaffen schöner Songs, die im weiten Feld von Ambient, Pop, Klassik und elektronischer Musik ineinander fließen.
Insofern macht der Albumtitel Sinn. Auf "Panta rhei" soll alles fließen wie es sich Heraklit damals vorstellte. Ein steter Fluss an Melodien, auf dunklen und hellen Seiten.
Ein erster Vorgeschmack ist die Single "The dark side of the hill". Dafür hat sich Niklas Paschburg bei der Hamburger Musikerin luìsa Hilfe geholt. luìsas Text und Gesang fügt sich in seiner teils zarten, teils drängenden Ausprägung perfekt in Niklas' Komposition.
Paschburgs Album wird am 17. März bei 7K! erscheinen und soll begleitet werden durch eine Reihe von Live-Shows, bei denen Niklas die Kraft der Bühne nutzen will, um den Original-Tracks eine ganz neue Intensität und Energie zu verleihen.
Ich sag's also noch einmal: Niklas Paschburg aus Berlin kündigt sein drittes Album an.

www.instagram.com/niklaspaschburg

Bis einer zuckt

Das Artwork des kommenden Albums von Catch as catch can sieht aus wie das von jenen Alben, für die auf Trödelmärkten viel Geld über den Tapeziertisch geht. Und die zweite Single "Medium rare" haut in die gleiche Kerbe. Das ist astreiner Glamrock! Wie auferstanden aus den 70er. Dazu sitzen die Jungs im dazugehörigen Video einfach arschcool rum. Doch man merkt: Es zuckt.
So geht's auch dem Hörer, der zumindest ein deutliches Kopfnicken nicht vermeiden können wird im Angesicht treibender Trommeln, druckvoller Bässe und schräger Fuzzgitarren. Der Glamrock von "Medium rare" steht aber nicht stellvertretend für das kommende Album "Rational anthems", die No. 2 von Catch as catch can. Die 13 Stücke bedienen alle Facetten des Rock und Punk. Gute Unterhaltung ist also garantiert. "Rational anthems" könnt ihr am 24. März beim Label La Pochette Surprise erwarten. Wo auch sonst, möchte man fast sagen...

www.catchascatchcan.bandcamp.com

 

Schmerz und Heilung

Im letzten Sommer veröffentlichten Willow Parlo ihre Debüt-EP und schieben nun eine Live-Session ihres Songs "Godless" nach. "Godless" ist ein Paradestück der Band, die für einen driftenden Indie-Sound steht. Textlich ist der Song eher schwermütig aufgehangen, denn die Hamburger Band steht für die schillernde Schönheit und die große Stärke des Introvertierten. Die Musik jedoch zieht dich aus der Schwermut heraus mit ihrer kraftvollen, aber gleichzeitig auch verträumten Stilistik.
So hinterlässt "Godless" beim Hörer ein schönes, ambivalentes Gefühl von Schmerz und Heilung. Damit steht Willow Parlo in der langen Traditionslinie einer Band aus den 80er, die sich die Heilung sogar in den Bandnamen hat schreiben lassen.

www.instagram.com/willowparlo

Friesenroots

Bisher hatten Jever und Jamaica nur den Anfangsbuchstaben gemeinsam. Aber seit etwa zwei Jahren kommt aus Jever ebenso cooler Reggae wie aus Jamaica. Dafür steht unsere Schwesta aus Friesien. Mit ihrer zweiten EP "Chapter#2 - Under control" beweist Sista Argie, dass sie den unwiderstehlichen karibischen Sound voll unter Kontrolle hat...aber sowas von.
Die Frau haut Offbeatmusik raus, die vor allerschönster Simplizität glänzt, vor gekonnter Minimalistik glitzert. Der Reggae von Sista Argie beruft sich auf die einstigen Stärken des Genres: Ein solides Fundament aus drum & bass, verziert mit mit kleinen feinen Schnörkeln von Gitarre, Keyboard und Bläsern. Da scheint der 70er Roots und der Rocksteady durch.
Dazu flowt die Sista mit ihrer Soulstimme in deutschen und englischen Vocals, die so gekonnt ineinander übergehen, dass man es kaum merkt. Man denkt dabei ständig an die Kölner Reggae-Ikone, die sich so verdammt schwer mit den deutschen Texten des vorletzten Albums tat.
Auf der aktuellen EP findet sich der Track "Cornern", der auch textlich auf die Kernkompetenz der Reggae Music zielt: Entspannen und gemütlich rauchen.
Sista Argie ist unser spezieller Tipp für die kalte, dunkle Weihnachtszeit.

www.instagram.com/sista.argie

Bett und Badewanne

Der Soul von Victoryaz besinnt sich auf das klassische Kerngeschäft des Soul. Geboren aus Herzschmerz, mit viel Liebe und Leidenschaft und orientiert an den goldenen Leitlinien des Soul, fabriziert die junge Münchnerin feine Songs. Sie wirken introvertiert und melancholisch. Gefühlvoll, ohne zu triefen und ehrlich. Einfach guter Soul.
Victoryaz hat dafür die passende Stimme und die Band ergänzt den richtigen Sound. Zu hören auf der neuen EP von Victoryaz: "Bed". Sie erscheint am 10. Februar, aber bereits jetzt gibt es zwei Singles aus dem 5er-Paket.
Das ist Musik für Bett und Badewanne, aber funktioniert sicherlich auch gut in schönen Clubs.

Victoryaz bei facebook

 

Schmidt & Co.

Mein erster Gedanke zu Hamish Hawk war: Ulrich Tukur ersetzt Morissey bei der Reunion von The Smith. Ich erlag dieser Sinnestäuschung wegen der Rückkehr des übergroßen Jackets in die Popmusik.
Doch schauen wir hinter die Schulterpolster. Dann erkennen wir, dass Hamish Hawk für großartig komponierte Songs steht, die er mit einer messerscharfen Ernsthaftigkeit vorträgt und mit einem Hauch von Wahnsinn würzt. Beispielhaft steht jetzt "Think of us kissing" in den Startlöchern mit pathetischen Gitarren und einem flackernden Keyboard. Das kommt sehr überzeugend rüber und kitzelt die Neugier auf diesen stylishen Schotten.
Die Neugier wird vollständig am 03. Februar 2023 gestillt, wenn Hamish Hawk sein zweites Album "Angel numbers" veröffentlichten wird. Passenderweise bei Post Electric Artists. Hinhören!

www.hamishhawk.com

Extremtanz

Tom Misch füllt Hallen, Tom Misch generiert massenweise Klicks. Doch nebenbei betreibt Tom Misch das Projekt Supershy, welches sich dem Genre der Extremtanzmusik widmet. Sehr frisch aus der Supershy Soundschmiede erscheint nun "Don't let go".
Ein Stück, das mit einer supertrockenen Snare beginnt, die abgelöst wird von Handclaps und einem extrafetten Bass-Sound. Dazu blubbert sich eine Synthieline durch den Track, die von einem legendären 303-Keyboard aus dem Hause Roland stammt. Ein Bassersatzkeyboard, das back in the eighties für seinen unnatürlichen Sound verschmäht wurde. Wer alt genug ist, wird diesen Sound erkennen!
"Don't let go" sind viereinhalb unverzichtbare Minuten für eure nächste Party.

www.instagram.com/supershy

Die Axt im Haus erspart den Mann

Die Musik des Kieler Punkrocktrios tot ist weit davon entfernt, lediglich nach likes und clicks zu schielen. Das neue Album "Ferien" wartet erneut mit geraden Bassläufen, kreischenden Gitarren und hämmernden Drums auf. "Ferien" ist das dritte Album von tot und voller Punkrockhämmer im Namen der vertonten Bocklosigkeit.
Das ist Musik, die Eichen fällt auch ohne Werkzeug. Ihr müsst euch erstmal trauen, diese Platte zu kaufen. Aber: Nach Auskunft der Band ist das neue Album handverlesen und mundgepökelt!

www.tototot.bandcamp.com

Rap in Farbe

Ein wenig Gitarre, ein paar Synthie-Spielereien, auch mal Piano, verhallte und vielfach geschichtete Vocals sowie selbstverständlich boom-clap in multipler Ausprägung: Fertig ist der Hip Hop in Wesley-Joseph-Manier. Das erscheint simpel, kreiert allerdings anspruchsvolle, bunte Rapmusik. Und wird von durchdachten Videoclips begleitet, die weit entfernt sind von den üblichen Poolpartyvideos.
Kein Wunder: Wesley Joseph ist auch als Regisseur tätig und gestaltet Musikvideos wie Kurzfilme. Damit macht der Brite seit letztem Jahr auf sich aufmerksam. Seit er sein Debüt "Ultramarine" veröffentlichte. Der neue Track "Monsoon" bereitet uns nun auf das Nachfolgealbum "Glow" vor. Das wird mit acht Tracks am 17. Februar 2022 über das Independent-Label Secretly Canadian erscheinen. Cooler mit jedem Hören. Achtung, Achtung!

www.wesley-joseph.com