...und nachher zu Tom's diner

Viele derer, die 1987 mit weißen Tennissocken vor der Stereoanlage hockten und ein bisschen verliebt in diese schlaue New Yorkerin waren respektive die gleiche intellektuelle Wellenlänge mit Suzanne Vega spürten, sitzen heute wahrscheinlich in weißen Hemden an Schreibtischen. Und haben natürlich sofort zugeschlagen als Suzanne kürzlich ihr neuestes Werk "An evening with New York songs and stories" veröffentlichte.
Dieses Album hat die Dame in ihren nun besten Jahren im New Yorker Café Carlyle live eingespielt. Es enthält neue Versionen einiger ihrere bekanntesten Stücke und eine Coverversion von Lou Reeds "Walk on the wild side". Diese passende Mischung ist jetzt auch Inhalt zweier Konzerte, die Suzanne Vega im legendären Jazzclub Blue Note in N.Y.C. gibt. Und wegen Corona könnt ihr dabei sein ohne hinzufliegen.
Am 08. Oktober um 21.00 Uhr europäischer Zeit lässt sich Suzannes Auftritt streamen, wenn ihr bereit seid, dafür 24 Dollar zu geben, die teilweise Konzertveranstaltern und Locations in USA und Europa zugute kommen. Guter Zweck, gute Musik und ihr dürft auch gerne weiße Tennissocken dabei tragen. Ist ja wieder en vogue.

Tickets gibt's hier: www.events.seated.com/suzanne-vega

Träume sind Schäume, sagte meine Omma

"Im Wesentlichen ist es wie das Testament eines Eskapisten über den Wunsch, die Souveränität über seine Gedanken zu erlangen", sagt die Künstlerin zu ihrem Song "I'll probably be asleep". Wenn ihr das jetzt auf Anhieb verstanden habt, müsst ihr ein fürchterlicher Streber sein. Ob das auch für Anika Ostendorf gilt, weiß ich nicht, aber der Vorname lässt das Schlimmste vermuten.
Aber reden wir doch jetzt endlich über die Musik von Hachiku, das Pseudonym hinter dem Anika steckt. Hachiku hat bereits eine Menge hinter sich. In den USA geboren, aufgewachsen im rheinischen Dansweiler und nun in Melbourne zu Hause. Ein Lebensweg wie ein Traum, sieht man mal von Dansweiler und dem Mitwirken in einer Ford-Betriebskapelle ab. Das Herumreisen und die Jetlags haben vermutlich zu diesem Dreampop geführt, mit dem uns Hachiku verwöhnt. Hachiku selbst nennt es Bedroom-Pop, wenn Synthies auf einfallsreiche Gitarren und Drum-Machines treffen.
"I'll probably be asleep" ist die erste Veröffentlichung aus dem gleichnamigen Debütalbum von Hachiku, das die Frau am 13. November auf den Markt bringen wird. Sollte ihr nicht verschlafen!

www.hachikumusic.com

Oh, wie cool ist Havana

Da gibt es doch immer wieder Songs, bei denen wünscht man sich, man wäre ebenfalls Rockstar. Man ist es nicht, weil einem einfach diese unglaubliche Coolness fehlt. Diese kontrollierte Lässigkeit besitzen Castillo ohne Frage.
Die Hamburger Newcomer werfen gerade frisch ihre Debüt-Single "Havana" in den Ring. Ein großartiger Song und so völlig klar, obwohl er sich nur in Andeutungen bewegt. Hammermäßig Soul im Clip, dass man nicht merkt, dass Havanna bei den Dreharbeiten mindestens 8.000 km entfernt war. Trotzdem und deshalb: Was ein Ausklang dieses Sommers!

Warum muss ich bei solchen Songs immer an den einzigartigen Falco denken? Scheiß drauf, fuck you yesterday.

www.facebook.com/musikvoncastillo

Das Leben trägt Hawaiihemd

"Ich häng' in der Karibik und der Wecker klingelt nie" ist eine massentaugliche Wunschvorstellung, die mit Sicherheit eine Menge Geld in die Taschen der beiden Hartzer Vollka Putt & Florida Klaus spülen wird. Der Song "Wochenende forever" wird zum Ohrwurm, der dich nicht mehr loslässt, wenn du Montag Morgen um sechs wieder ins Kissen beißt.
Es ist den Leuten bei Audiolith zu verdanken, die beiden Vollzeit-Lebemänner dazu bewegt zu haben, sich Arbeit zu machen und eine komplette EP zu produzieren. "Listen to your hartz" gibt's seit letzter Woche und verbindet deutschen Rap mit Langeweile und Nichtstun.
Es ist absolut nicht zu erwarten, dass sich Vollka und Klaus den Stress machen, in absehbarer Zeit ein Album zu machen, ist doch Klaus noch völlig erschöpft vom Malen des EP-Covers. Falls es doch ein Album geben sollte, erfahrt ihr es von uns, wenn wir nicht gerade Sommer machen.

www.instagram.com/vollka_putt_hamburg
www.instagram.com/florida_klaus_official

Soeckers Kopfkarussell ist besser als Kirmes auf'm Dorf

„Klar mögen wir die Strokes, das lässt sich wohl auch schlecht verleugnen“, sagt Bassist Julian. „Aber letztlich sind wir doch sehr viel stärker britisch geprägt, und zwar durch alle Jahrzehnte: Von den Beatles über Oasis bis zu Pete Dohertys Bands – das sind schon unsere Lieblinge.“ Dieses Kosmopolitische traut man vier Jungs aus dem erzkonservativen Münsterland eigentlich gar nicht zu. Aber Soeckers überraschen in vielerlei Hinsicht.
Die Jungs sind beinahe autodidaktisch zur Musik gekommen, haben ihre Skills aber nie an Coverversionen trainiert, sondern von Beginn an eigenen Songs gewerkelt. Das liegt jetzt schon sechs Jahre zurück und nun endlich ist es soweit: Das Debütalbum "Kopfkarussell" findet morgen den Weg in die Weltöffentlichkeit via Chateau Lala. Doch nicht nur, dass dieses sehr renommierte Label die Jungs aus Münster unter ihre Fittiche nahm, auch Wanda-Produzent Paul Gallister unterstützte Soeckers beim Debütalbum. Das ist schon 'ne Menge Hilfe und lässt erwarten, dass der Wind um "Kopfkarussell" nicht nur heiße Luft ist.

www.soeckers.de

Wer belächelt Steiner & Madleina?

Wenn Wut auf gute Rochmusik trifft, kommt dabei fast immer Gutes heraus. Das trifft auch auf die aktuelle Single "Wenn ich ein Junge wäre (Ich will nicht lächeln)" von Steiner & Madleina her. Das Schweizer Frauenduo kommt mit treibendem Schlagzeug und schneidenden Gitarren um die Ecke, die eine fette Basis bilden für die gepferfferten Lyrics des Songs. Die Beiden sind genervt von Männern, die ihnen die Welt erklären wollen und hinterfragen immer noch aktuelle, ewig gestrige Rollenbilder.
"Als Frau werde ich ständig von Männern belächelt, verbessert und weniger ernst genommen. Was soll das?", fragt Nora Steiner trotzig. Und so ist "Wenn ich ein Junge wäre (Ich will nicht lächeln)" ein Song, bei dem mann sich ruhig einmal entsprechende Fragen stellen darf. Aber genauso ist der neue Song bestens geeignet, um dazu gepflegt abzufeiern. Das Stück ist der Auftakt zum zweiten Album von Steiner & Madleina. Das heißt "Wünsch mir Glück" und wird Ende Januar nächsten Jahres bei Glitterhouse Records erscheinen.

www.steiner-madlaina.com

Intelligente Randale und Vandalismus

"Fünf Minuten deutscher Straßenrap zeigen, wie am Arsch die Welt ist", bringt der Rapper Vandalismus den Zustand einer Szene auf den Punkt. Sein neues Album "Gloria & Schwefel" erschien in der letzten Woche bei Audiolith und zeigt, was deutscher Rap jenseits von Machoscheiß, Trapwolken und Autotune zu leisten imstande ist.
Die letzte Vorab-Single "Schrottplatz der Kuscheltiere" dokumentiert das noch einmal exemplarisch. Ein atmosphärisch schweres Ding mit krassen Beats, die in ein sinstres Instrumental eingebettet sind. Vandalismus' Worte sind rau, aber immer ehrlich und nachdenklich. Damit ist das Stück repräsentativ für das Album, das voll ist mit Herz und Verstand, Hooks, Punchlines und Gesang.
"Schrottplatz der Kuscheltiere" macht Lust auf das gesamte Album, das sich auch Mneschen auf den Zettel schreiben sollten, die sonst nichts mit Hip Hop am Hut haben. Das ist "Untergrund für jeden".

www.instagram.com/vandalismus.one

Pulsschlag aus Stahl

lina gwen wayne 2Für den Rezenszenten ist es wirklich erholsam, wenn er sich nicht Schwurbeleien aus den Fingern saugen muss, um einen Sound zu beschreiben. Bei Lina & Gwen braucht's kaum Worte: Das ist Techno! Insofern ist es Programm, dass ihre erste EP "Genug gelabert" heißt.
Das sind eisenharte Beats. Gehämmert, verschweißt und aus einem Guss. So hat sich das vor 50 Jahren unter abstichrotem Abendhimmel im Ruhrgebiet angehört. In Bochum-Stahlhausen.
"Genug gelabert" enthält zwei kompromrisslose Technotracks mit jeweils einem nicht minder knüppelharten Remix. Für diese vier Stücke fühlt sich der Boden wie Himmel an, Liegen wie Fallen und Tanzen hält man für Atmen.
Die EP von Lina & Wendy Wayne ist letzte Woche bei Hold your ground als 12"-Vinyl und digital erschienen. Den Track "Palaber" könnt ihr hier hören. Hammer!

www.instagram.com/lina_gwen_wayne

Foto: Katja Ruge

Danke, meine Damen

Rückblickend muss man sagen, dass es Frauen gab, die es irgendwann völlig richtig machten, dich zu verlassen. Die Erinnerungen, die daran bleiben, sind schön und werden nicht durch jahrelanges Gewurstel verwässert. Um dieses melancholische und so echte Gefühl geht es im neuen Song von Long Tall Jefferson. "Young love" ist der neueste Song des Anfangdreißigers, mit dem er einen ersten Ausblick auf das am 20. November bei Red Brick Chapel erscheinende Album "Cloud Folk" gibt.
Mit diesem Begriff bezeichnet Long Tall Jefferson seinen neuen Sound, der sich abhebt von dem der beiden Vorgängeralben. Das Bisherige weicht für ein Album im Jetzt mit Elementen aus Trap, Cloud Rap, Chillwave. Wehmut bassgepolstert, Sehnsucht poliert und Minnegesang in ein neues Jahrhundert übersetzt.
Dabei hört sich "Young love" zunächst an wie das Werk eines Alleinunterhalters auf Kaffeefahrt bis das synthieflankierte Gitarrenpicking beginnt und sogar Platz ist für einen seichten Reggaebeat. Das ist der richtige Song, um sinnlos in den blauen Himmel zu starren und über vergangenge Lieben zu meditieren.

Neben Sophie Hunger ist Long Tall Jefferson der zweite wichtige Schweizer, der am heutigen Tag neues Material veröffentlicht. Hopp Schwiz!

www.longtalljefferson.com

Sophie Hunger - Halluzinationen

sophie hunger halluzinationenWir im Ruhrgebiet bevorzugen eindeutig das deutlich auf der ersten Silbe betonte Soffi anstatt des eher distinguierten, auf der zweiten Silbe betonten Sophie.

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Peter Broderick und die Brombeeren

broderick blackberry coverBeim ersten Hören habe ich Peter Broderick eindeutig jenseits des großen Teiches verortet. Doch Peter ist erst kürzlich von London nach Irland umgezogen. Sein neues Album hört sich allerdings dermaßen nach Amerika an, dass man meinen könnte, der 33-jährige sei tief im Mittleren Westen geboren und dort musikalisch sozialisiert. Broderick nennt es Schlafzimmer-Folk-Pop, denn schließlich hat er die acht Songs im Sommer 2019 komplett im eigenen Schlafzimmer eingespielt.Erst heute erscheint "Blackberry" digital, am 30. Oktober kommt dann die CD und das Vinyl via Erased Tapes auf den Markt.
Ich würde die Songs auf "Blackberry" als Öko-Pop bezeichnen, denn Broderick singt nicht nur eine Ode an die Brombeere, sondern auch ein ziemlich langes Lied über die Vorzüge und richtige Verwendung von Wildkräutern. Möglicherweise haben wir es mit einer Wiederkehr von Peter Lustig zu tun. Dementsprechend eröffnet das Album mit einer Trompetenmelodie, die jeder Kindersendung zur Ehre gereichen würde. Über den Albumtitel sagt der Musiker: "Als ich vor ein paar Jahren damit begann, mich intensiv mit dem Sammeln von essbaren Wildpflanzen zu befassen, hat mich die einfache Brombeere nicht gerade vom Hocker gehauen. Doch ich sollte schon bald mit neuer Leidenschaft zu dieser vertrauten Frucht aus Kindertagen zurückkehren."

Ich weiß nicht, was ihr damit anfangen könnt. Ich werde mir jetzt erst einmal ein Zigarettchen von getrockneten Blättern des Sauerampfers aus meinem Schrebergarten drehen, und genüsslich zurückgelehnt diesen lässigen Pop mit Weltverbesserungspotential hören. Schmauchschmauch...

 www.peterbroderick.net

Sorry3000 aus Turnhalle an der Saale

Sorry3000 hören sich manchmal an als sei es nur eine Frage der Zeit, wann die Band ihrer Heimatstadt Halle/Saale den Rücken kehrt und nach Berlin geht. Sorry3000 und ihre Songs sind derart nischentauglich, dass der Untergrund sich danach die Finger leckt. Die Band nennt es Realpop, dieses Gemisch aus Kindermelodien und Geschrei, schrägen Gitarren und abseitiger Lyrik. Andere meinen, in Sorry3000 das nächste heiße Ding zu erkennen. Und wenn's nichts wird, habt ihr es einfach nicht kapiert.
Es passt natürlich nur zu gut, dass die ostdeutsche Geheimtipp-Band jetzt beim norddeutschen Vorzeigelabel Audiolith untergekommen ist. Dort wird im Herbst auch das Album "Warum overthinking dich zerstört" erscheinen.
Daraus wird jetzt die nächste Single "Fitness" ausgekoppelt, die das gesunde Leben auf's Korn nimmt. Vielleicht macht man sich damit in Berlin eher Feinde. Dann doch besser die Poprevolution in Halle starten.

www.sorry3000.net

Psychoaktive Cigaretten

Wir haben Die Cigaretten wieder und wieder über  den grünen Klee gelobt. Damit hören wir nicht auf. Nach dem sehr überzeugenden Debütalbum "Sonic juz" arbeiten die Jungs hart am Nachfolger. Der ist lang noch nicht fertig. Dafür steht die EP "Crashkid" fast schon bereit. Das Appetithäppchen "Nichtsnutz" servieren Die Cigaretten jetzt ganz frisch in einem knallbunten Clip und auf brennenden Skateboards.
Das neue Stück ist erneut großartige Ruhestörung. Kompromisslos an Saiten und Fellen. Knappe drei Minuten psychoaktives Geräusch, dass in großer Lautstärke seine volle Wirkung hat. Für "Crashkid" haben Die Cigaretten zum Label Audiolith gewechselt. Das ist wohl, was man einen Karriereschritt nennt. Audiolith veröffentlicht "Crashkid" am 2. Oktober. Wir von unruhr bleiben bis dahin für euch am Ball.

www.instagram.com/diecigaretten

Afrika ist Uckermark, nicht Berlin

Jetzt sind die drei Jungs von Cassia aus Manchester in Berlin angekommen. Wie eigentlich jede aufstrebende Band zwischen Australien und Island. Das birgt eine gewisse Langeweile, die auch zu erkennen ist beim Schippern der Band auf Landwehrkanal und Spree.
Beim Umzug nach Berlin ist offensichtlich der afrikanische Touch verloren gegangen, der das Debütalbum "Replica" der jungen Briten aus 2019 geprägt hat. Die neue Single "Don't make a scene" versucht sich in Weichspüler-Sommersounds. Das gelingt Cassia gar nicht so schlecht. "Don't make a scene" ist unzweifelhaft ein Fußmitwipper. Er verwischt aber das ehemalige Alleinstellungsmerkmal: Diese zündende Kombi aus afrikanischen Sounds und englischer Popmusik.
Vielleicht treffen die Drei in Berlin einen Menschen, der ihnen verrät, dass Afrika nur 86 Kilometer nordöstlich vom Alexanderplatz mitten in der Uckermark liegt. Als Ortsteil von Flieth-Stegelitz. Das ist ein kurzer Weg für neue Inspiration hinsichtlich des geplanten Albums, das 2021 erscheinen soll. Da ist also noch Zeit.

www.wearecassia.com

Endlich Alarm

Songs wie "Alarmzustand für Deutschland" sollten wöchentlich veröffentlicht werden. Zum Thema AfD haben sich deutsche Bands und Musiker bisher vornehm zurückgehalten. Den Diskurs überließ man viel zu lang den Rechten. Gut, dass Alarmbaby aus Mannheim jetzt mal die Fresse aufreißen und zurückschreien gegen den nationalistischen Dreck.
Die Band selbst sagt dazu: "Jeder, der aus unserer Geschichte etwas gelernt hat, hat den Auftrag, sich dagegen zu stellen, so laut er kann und mit allem, was er hat. Mit Kopf, mit Herz, mit Körper und Seele."
"Alarmzustand für Deutschland" ist die aktuelle Single der Band um Frontfrau Mary-Anne Bröllochs. Zu finden ist der Song auf dem Album "Killamädchen", das im November vom Label Drakkar Entertainment unter die Leute gebracht wird. Das Album ist laut und heftig und erinnert an Alarmbabys Vorbilder wie Green Day, Queens of the Stone Age, Atari Teenage Riot und The Hives. So kann's weitergehen, Leute!

www.alarmbaby.de