Scheiß auf Gefühle

Grammys und Emmys säumen seinen Weg, er ist eine Koryphäe des R'n'B. Jetzt hat Robert Glasper seine Beziehungen spielen lassen, sein musikalisches Netzwerk aktiviert und für zwei Tage die Henson Studios in Los Angeles gebucht. Viele folgten seinem Ruf dorthin und so entstand unter Mithilfe von Herbie Hancock, Bilal, Yebba, Queen Sheba und so vielen mehr in diesen zwei Tagen Glaspers neues Mixtape "Fuck yo feelings".
Jazzer und andere Intellektuelle können sowas, den kreativen Prozess bündeln und gezielt zum Abschluss bringen. "Fuck yo feelings" ist also eine gigantische Jam-Session, die alles enthält von Hip Hop über Jazz bis hin zu experimentellen Klängen. Für Robert Glasper ist Black Music ein großes Haus, in dem er einfach von Zimmer zu Zimmer geht.

Diesem Hausrundgang wird nicht jeder bedingungslos folgen können, wer sich aber von unwichtigen Einrichtungsgegenständen nicht ablenken lässt, wird mit interessanten Einblicken in alle Winkel des Hauses belohnt. 19 Zimmer hat das Gebäude mit dem Charakter eines Schlosses. Und jedes Zimmer mit Ausblick auf die ganz edlen Gewächse der Black Music im Garten.

www.robertglasper.com

 

Squarepushers Electro im Obi-Sound

Für die Arbeit an seinem neuen Album setzte Squarepusher aka Tom Jenkinson nach vielen Jahren erstmals wieder auf diejenige digitale und analoge Hardware, mit der er in den frühen Neunzigern seinen Sound definiert hatte. Die Verwendung von Vintage-Synthesizern und Effekten markiert eine radikale Kehrtwende für den Briten, der auf dem zuletzt veröffentlichten Damogen Furies-Album noch komplett auf die neueste Software gesetzt hatte.
So knarzt und scheppert es auf "Be up a hello" ganz gewaltig. Das ist astreine Heimwerkerarbeit, die an die Ekstase, Ausgelassenheit und Hemmungslosigkeit von Raves der frühen Neunziger erinnert.

Dann also Pillen rein, Hörgeräte raus und Party!

www.squarepusher.net

Aus den Wäldern

Tara Nome Doyle ist gebürtige Berlinerin. Hat ihre Wurzeln aber in Irland und Norwegen. Und gerade das Skandinavische scheint einen hörbaren Einfluss auf ihr Debütalbum "Alchemy" gehabt zu haben. Da ist diese Mystik dunkler Wälder und langer Nächte, in denen Elfengesang aus den hohen Wipfeln klingt.
Tara bietet neun intensive Songs an, die mit Tiefgang nicht geizen. Nein, keine Tanzmusik, aber auch kein esoterischer Singsang. Es kann auch mal ein ganz klein wenig zur Sache gehen wie bei "Transmutation", aber immer bleibt eine gewisse Introvertiertheit der Songs. Gespickt mit guten Sounds dominiert bei den Tracks doch die Kraft der Stille.
Ein Album für vertiefte Momente.

www.taranomedoyle.com

Palmen im All

Das ist unverschämt viel Alufolie, mit der Melting Palms ihre Rakete gebaut haben. Aber wer erfolgreich Spacerock machen will, muss auch schon mal die Folienvorräte aus Mamas Küche klauen.
Melting Palms ist das neue Pferd aus dem Stall des Hamburger Labels La Pochette Surprise. Die fünfköpfige Band veröffentlicht dort das Debütalbum "Abyss" am 13. März. Die erste, spacerockige Single "Fused" spart nicht an außerirdischem, halbpsychedelischen Ambiente und erinnert an die Größen des Shoegaze wie The Verve oder Slowdive aus den seligen Achtzigern.
Und so sind es bei "Fused" fünf noisige Minuten geworden, die sich zwischenzeitlich anhören als hätten sie damals den Weg für The Cure geebnet. Freuen wir uns also auf "Abyss".

www.meltingpalms.bandcamp.com

Spielerfrau und Erzengel in einem anderen Leben

Gitarren auf Kniehöhe, Klamotten mit ausreichend Raum für Brustbehaarung und Sounds, die man bereits in der Steinzeit als Rockballade kannte. Meine Güte, das es das noch gibt! Dafür geht ein Dankeschön an The Darkness. Die britische Hardrockband verkauft seit letztem Oktober ihr aktuelles Album "Easter is cancelled" und koppelt dafür nun die nächste Single "In another life" aus.
Im Clip schmort Bandleader Jusitin Hawkins in der Hölle, wird aber am Ende von einem bezaubernden Erzengel erlöst. Die Rolle des Erzengels ist Abbey Clancy auf den Leib geschrieben und ist vermutlich der Beginn einer Karriere als Charakterdarstellerin für das britische Model. Abbey war bisher nebenberuflich die Spielerfrau von Peter Crouch. Das war dieses furchtbar lange Gerät in Englands Sturm, von dem man immer meinte, es hat nie richtig Fußball spielen gelernt. Peter Crouch ist inzwischen pensioniert und nun hat seine Frau endlich Zeit für engelsgleiche Darbietungen.
Womöglich fragt ihr euch, ob dieser Clip Satire ist, aber genaugenommen zeigt er nur, wie schrecklich einfach gute Rockmusik sein kann.

www.thedarknesslive.com

Georgia gibt Strom für's Tanzbein

Lassen wir es dahin gestellt sein, ob Georgias Stromlieferung nachhaltig und klimaneutral ist. Das neue Album der jungen Britin ist purer Hedonismus und somit absolut nicht politisch korrekt. Aber Georgia ist nicht Greta. Vielleicht brauchen wir einfach noch ein bisschen Spaß vor dem Sprung in den Abgrund. Georgia pflichtet bei: "It’s just about finding this feeling that makes you want to jump out and fuck it all and go seek a thrill." Und womöglich ist das der vielzitierte Tanz auf der Rasierklinge.
"Seeking thrills" ist unzweifelhaft Tanz. Auf dem morgen erscheinenden Album dreht sich die Welt einzig um die Discokugel wie bereits Kopernikus weissagte. Oder nicht?
Eine ganz große Party mit Elektropop und R`n`B. "Seeking thrills" hat seine Wurzeln im Chicago House und Detroit Techno der frühen 80er Jahre und verschmilzt analoge Clubsounds mit solidem Pop-Songwriting. Auch wenn das Album nach hinten raus etwas schwächelt, sind im ersten Teil Tanzflächengranaten wie "Never let you go" und "About work the dancefloor". Wenn Madonna das hört, zieht sie mitsamt Toyboy in den Keller und zählt Falten.

www.georgiauk.com