Vermächtnis - Protoje im Keuning-Haus Dortmund 15/04/17

protojeDas Wetter zu Ostern wurde bereits vorher von den kommenden Wochenendtouristen beklagt. Vermutlich war es eine selbsterfüllende Prophezeiung. Das Wetter und die Urlauber passten nicht zueinander. Ähnlich kompliziert war mein Verhältnis zu Protoje.

Denn als endlich ein gemeinsamer Termin zu passen schien, kamen ein misslicher Unfall mit dem Tourbus, verpasste Anschlüssflüge in Reykjavik und städtische deadlines in Mülheim dazwischen. Und so spielte Protoje beim Ruhr Reggae Summer nur 15 Minuten mit geschrumpfter Band.

Ein Neubeginn zu Ostern 2017 stand damit unter keinem guten Stern. Doch manches Mal wird alles gut...

Denn als das Reggae Easter Special im Turnhallenambiente des Dortmunder Keuning-Hauses zum Höhepunkt strebte, bemerkte ich, dass meine Beziehung zu Protoje schon viel früher begonnen hatte.

Es war ein Donnerstag und der 10. November 1988. Ini Kamoze spielte ein äußerst lustloses Konzert in der Zeche Bochum und das Wetter mag in etwa so gewesen sein wie Ostern fast 30 Jahre später. Vielleicht deshalb: Kamoze enttäuschte an diesem Donnerstag Abend auf ganzer Linie.

Dabei hatte er Klassiker to be geschrieben, wie "Call the police", police, police, po-lies...Und auch "England be nice", welches Protoje so genial ummünzt in "Kingston be wise". Dieses Stück bildete bei Protojes Ostergig in Dortmund den Abschluss und Höhepunkt des Konzerts, nebenbei Balsam auf alle meine Reggae-Wunden.

Weil er bis dahin den Auftritt zu einem Statement der Reggae-Zukunft gemacht hat. Der Mann versteht es, hartgesottenes Reggae-Stammpublikum genauso zu befriedigen wie interessierte Crossover-Hörer. Protoje verschneidet Reggae mit Rock und Pop, lässt aber keinem Zweifel an seiner tatsächlichen Herkunft. Scheinbar endlos zitiert er Legenden des Reggae wie Bob Marley, Dennis Brown und Black Uhuru ohne Verdacht unnützen Nachdudelns.

Nein, hier geht es nicht um Bedienung alter Klischees. Protojes Zitieren ist Ausdruck der Weiterentwicklung des Sounds im Sinn von: Jungs, ich hab's verstanden! Ihr habt mir Gold in die Hand gelegt, ich werde keinen Mist daraus machen.

So schafft es Protoje, den 80er-, von Syndrums geprägten Sound Kamozes weiter zu entwickeln und zu perfektionieren. Seine Musik wirkt wahnsinnig strukturiert. Konzeptioniert, doch kein Reißbrettverdacht. Authentisch ohne Bart.

Meine Enttäuschung von vor 30 Jahren ist purer Begeisterung gewichen. Scheiß auf das Wetter.

Foto: Martin Voss